Als unheimliche Welt zeigte sich den Menschen
früherer Jahrhunderte das Moor, und immer schon war's "schaurig, über das Moor zu
gehen". Auch im Norden des heutigen Kreises Steinfurt dehnten sich noch im 17.
Jahrhundert auf über 50 Quadratkilometern unwegsame Sumpfgebiete aus, und für die
Bewohner des Tecklenburger Landes gab es weder festen Weg noch Steg nach Norden. Eine ganz
eigene Lebensgemeinschaft von hochspezialisierten Pflanzen und Tieren hatte sich genau an
diese fast baum- und strauchlose, tiefgründig nasse Ebene angepasst, die mit ihren
dunklen Wasserlöchern und einem feucht nebeligem Klima den Anwohnern unwirtlich
erscheinen musste. Irgendwo wurde hier im 18.Jahrhundert durch diese siedlungsfeindliche
Landschaft schnurgerade die Grenze zwischen den Königreichen Preußen und Hannover
gezogen.
Etwa 6000 Jahre hatte das Moor gebraucht, um
sich von einer staunassen, sandigen Senke mit schütterem Kiefern-Birken-Bruchwald zum
Hochmoor zu entwickeln. Wurzellos wuchsen die Torfmoospflanzen auf sich selbst empor, denn
durch die bei ihrem Stoffwechsel gebildeten Säuren können die abgestorbenen
Pflanzenteile nicht abgebaut werden: es entstand Torf. Ohne Kontakt zum Grundwasser
können sie in ihren Blättern und selbst in den unteren abgestorbenen Teilen Wasser aus
Regen, Tau und Nebel speichern, und so erhob sich die Mooroberfläche mehr und mehr über
das Niveau der Umgebung hinaus. Bäume und Sträucher, Heidekraut-gewächse, Schilf und
Riedgräser wurden langsam verdrängt; es entstand ein Hochmoor.
Mit dem Beginn der Nutzung des "Vinter
Moores" durch den Menschen im 17. Jahrhundert nahm auch der fortschreitende
Niedergang dieser einzigartigen Urlandschaft seinen Lauf. Um Torf als Stalleinstreu und
Heizmaterial stechen zu können, wurden an den Rändern des Moores Gräben zur
Entwässerung gezogen. Große Flächen zerstörte dann aber erst die Moorbrandkultur, die
Äcker zum Buchweizenanbau und Wiesen für eine bescheidene Landwirtschaft auf ärmsten
Böden schuf.
1870 wurde im Süden der Moorkanal gebaut,
der das Wasser nach Hopsten abführte. Die nun mögliche systematische Entwässerung und
großräumige Erschließung setzte 1915 ein. Der Landeshauptmann Rothert ließ ein ganzes
Dorf auf den Moorboden setzen, das heutige Rothertshausen. Die Kleinsiedler begannen, auch
den letzten noch verbliebenen damals hannoverschen Teil des Moores urbar zu machen.
Selbst in den innersten Bereiche fiel die
Torfmächtigkeit von ehemals drei Metern auf zwei Meter zusammen: der Moorkörper hatte
aufgehört zu wachsen. Die Vernichtung dieses wertvollen Ökosystems führte unweigerlich
zum Verlust vieler ohnehin vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten.
Erste Ahnungen, dass hier unersetzbare
Naturlandschaften auf immer zu verschwinden drohten, zeigte bereits 1915 die
"Preußische Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege" in Berlin. Sie empfahl
dringend: "Jede Provinz möge doch einige ihrer Hochmoore schützen und
erhalten." Konsequenzen für das Vinter Moor hatte das jedoch nicht.
1939 zog man auch im Norden des restlichen
Moores auf der Grenze zum heutigen Niedersachsen einen über zwei Meter tiefer
Entwässerungsgraben.
Seit Beginn der 50er Jahre wurde der
Torfabbau maschinell betrieben und fraß sich nun Hektar um Hektar von Osten her in die
verbliebene Fläche hinein. Gartentorf, in seiner Wirkung als Bodenverbesserer völlig
überschätzt, kam in Mode.
Das Verschwinden der letzten
Moorflächen schien unmittelbar bevorzustehen, als 1952 der "Provinzialbeauftragte
für Naturschutz und Landschaftspflege für den Bereich der Verwaltung des
Provinzialverbandes Westfalen" Dr. Fritz Runge die Unterschutzstellung einer
typischen Hochmoorheide in der Größe von 370 Hektar nach Absprache mit dem Landkreis
Tecklenburg beim Regierungspräsidenten in Münster anregte. In diesem Zusammenhang wurde
berichtet, daß im Jahr 1951 auf den zu schützenden Flächen noch etwa 50 Birkhähne
gebalzt hätten. In einem ersten großen Erörterungstermin der Behörden 1955 wurde vom
Landeskulturamt (dem späteren Amt für Agrarordnung) und der Landwirtschaftskammer
festgestellt, dass kaum noch schützenswerte Flächen vorhanden seien. Unter
Berücksichtigung der Interessen des Torfwerkes Mettingen sollte ein Schutzgebiet von 30
Hektar ausgewiesen werden. Dabei wurde zugesichert, dass hier auch erstmals Belange des
Naturschutzes berücksichtigt würden.
Neben den erfolglosen Bemühungen der
Behörden versuchten sich Dr. Helmut Beyer, Leiter der Biologischen Station "Heiliges
Meer" und Naturschutzbeauftragter von Westfalen und Wilhelm Decking,
Vermessungsdirektor aus Mettingen mit ihren Ideen zur Rettung der inzwischen kümmerlichen
Reste des einstmals großen Moores Gehör zu verschafften.
Fast zehn Jahre zähen Ringens um
Verständnis sollten noch vergehen, ehe 1971 die erste Kernfläche von 53 Hektar vom Kreis
Tecklenburg im Auftrage des Regierungspräsidenten unter Naturschutz gestellt wurde, das
war gerade noch 1% des ursprünglichen Moores!
Aber wie hatte sich das Moor enwickelt!
Großflächig war es abgetorft und durch ein engmaschiges Netz von Entwässerungsgräben
zerschnitten. Ein dichter Wald von Weiß- und Moorbirken hatte sich angesiedelt,
durchsetzt von Weiden, Erlen und Kiefern. Heidekraut stockte auf den trockengefallenen
Torfrücken. Auf einigen dürftigen Weideflächen stand Vieh und rupfte an verstreuten
Grasbüscheln.
In unermüdlichem Einsatz versuchten seit
1975 ehrenamtliche Naturschützer, von denen sich einige ein Jahr später zur
Arbeitsgemeinschaft für Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL) zusammenschlossen, die
Entwicklung zurückzudrehen. Sie rodeten die Birken, die dem Boden allzuviel Wasser
entzogen, schlossen die Binnengräben durch Torfdämme und renaturierten Wege. Aber die
nicht endende Knochenarbeit schien hoffnungslos zu sein, allzu viele Moorparzellen waren
noch in Privatbesitz. Hier blieb der Wald erhalten, und die Bäume streuten Jahr für Jahr
die Flugsamen über die Gegend. Grenzgraben im Norden und Moorkanal (heute
"Bardelgraben") im Süden sogen das Wasser aus den Flächen, und auf den
trockenen Torfrippen sproß junger Birkenaufwuchs wie Rasen. Aber auch von Recker Bürgern
gab es heftigen Widerstand gegen die Naturschützer, die Bäume abholzten und nur öde
Flächen hinterließen. Es war ein Lernprozeß für den jungen Naturschutzverein, dass er
seine Ziele erklären und für seine Arbeit Verständnis in der Bevölkerung wecken
musste.
1976 wurde in Recke das
Flurbereinigungsverfahren eingeleitet. Ehrenamtliche Naturschützer sahen die
Agrarneuordnung äußerst kritisch, da mit dem damals ausschließlichen Ziel der
Produktionssteigerung der Landwirtschaft die Landschaft in großem Umfang ausgeräumt
wurde. Hier aber bot sich durch dieses Instrument die seltene Möglichkeit, große
Flächen für den Schutz des Recker Moores durch Ankauf zu sichern. Nach einer Vorlaufzeit
von zehn Jahren legten erste kartographische Darstellungen eines
"Managementplanes" der LÖLF*) 1981 die zukünftigen Ent-wicklungsziele im
Naturschutzgebiet und die dafür notwendigen Maßnahmen fest.
Die detaillierten textlichen Erläuterungen
stehen allerdings bis heute noch aus. 1983 erfolgte die einstweilige Sicherstellung
weiterer Moorflächen, die eine für den Schutz der Natur nachteilige Veränderung
verhindern sollte. Der Kreis Steinfurt begann zügig, große Teile des Gebietes
aufzukaufen. Da auch im Mettinger Moor Probleme zu lösen waren, wurde 1986 dort ein
vereinfachtes Bodenordnungsverfahren einge-leitet. Im Rahmen des
Feuchtwiesenschutzprogramms des Landes Nordrhein-Westfalen konnten zusätzlich viele
Hektar unter Schutz gestellt werden. Die alte Schutzverordnung zum "Vinter Moor"
wurde aufgehoben und 1987 durch die an sich wenig passenden
Feuchtwiesen-Grundschutz-Verordnungen "Recker Moor" und "Mettinger
Moor" ersetzt. Deren äußerst geringe Schutzfunktion konnte in diesem Fall
vielleicht akzeptiert werden, weil der Landkreis Eigentümer der wichtigsten Flächen war.
So umfaßte das Naturschutzgebiet im Jahre 1995 fast 290 Hektar im Recker Moor und 128
Hektar auf dem Gebiet des ehemaligen Mettinger Moores. Der Ankauf von Grundstücken und
die Vergrößerung des Naturschutzgebietes werden bis heute fortgesetzt.
Was blieb, war der fortwährende Wasserentzug
von zwei Seiten durch den Grenzgraben im Norden und den Bardelgraben im Süden, der das
Entbirken zur aussichtslosen Dauerbeschäftigung werden ließ. Neben den ehrenamtlichen
Naturschützern und zwei von ihnen eingestellten Zivildienstleistenden beschäftigte der
Kreis inzwischen auch hauptamtliche Kräfte. Unüberwindbar erschien der Konflikt zwischen
Naturschutz, der den Wasserspiegel im Moorkörper zur weiteren Vernässung möglichst
hochhalten wollte, und Landwirtschaft, die ihre angrenzenden Wiesen für das Vieh
trittfest halten mußte und damit auf Entwässerung bestand. Das Amt für Agrarordnung
Münster (heute: Coesfeld) setzte hier im Rahmen der Flurbereinigung eine beispielhafte
Lösung durch: der Bardelgraben wurde um etwa 300 Meter nach Südwesten verlegt und
entwässert nun nur die landwirtschaftlichen Flächen aber nicht mehr das Moor. Die etwa
100 ha Wiesen bis zum Moor wurden festgeschrieben als Landschaftsschutzgebiet
"Bardelgraben" mit Grünlandcharakter, in dem das Amt für Agrarordnung mit 30
Landwirten Bewirtschaftungsverträge zur extensiven Nutzung abgeschlossen hat. Die
Naturschutzvertreter hätten es zwar lieber gesehen, wenn dieses Gebiet auch in das
Feuchtwiesenschutzprogramm einbezogen worden wäre und damit ohne Gräben und Dränierung
als eine wirksame Pufferzone umweltschonend bewirtschaftet würde, aber so weit mochten
die Recker Bauern nun doch nicht gehen. Auch die unbedingt gebotene Einstellung der
Unterhaltungsmaßnahmen am alten Bardelgraben entlang des Moores wird wohl erst möglich
sein, wenn alle anliegenden Grundstücke im Eigentum des Kreises sind.
Endlich wurde 1991 der gewerbliche Abbau des
Moores auch auf niedersächsischer Seite beendet, das Torfwerk stellte seinen Betrieb ein.
Als Anekdote mag der Vorschlag der Gemeinden Recke und Neuenkirchen in die Geschichte
eingehen, Lokomotive, Waggons und Schienen der alten Torfbahn zu touristischen Zwecken zu
nutzen. Der Zug sollte die Besucher von Rothertshausen aus quer durch das Moor fahren, und
weil die Gleise nur bis zur Hälfte der Strecke gereicht hätten, wären die Fahrgäste in
der Mitte des Naturschutzgebietes umgestiegen, um in Ponykutschen nach Recke zu fahren.
Als letztes großes Problem bleibt die
Aufhebung des nördlichen Grabens zu lösen. Die Grenze zu Niedersachsen war
jahrzehntelang auch die Grenze des Schutzes der Landschaft. Immer wieder wurden Pläne
ersonnen und wieder verworfen.
Erschien einmal die Möglichkeit sinnvoll,
den Graben zu verrohren, so schlug man ein anderes Mal vor, eine starke Kunststoffolie bis
in den mineralischen Boden einzuziehen, die das Wasser im Moor halten sollte. Auch ein
Schöpfwerk, das das Wasser des Grenzgrabens in den Bardelgraben heben könnte, wurde
ernstlich diskutiert . An der durchaus verständliche Forderung der angrenzenden
niedersächsischen Landwirte, ihre Flächen wirksam entwässern zu können, scheiterten
alle Versuche einer Problemlösung im Interesse des Recker Moores.
1992 endlich konnte der Kreis Steinfurt für
dieses Vorhaben eine erfolgversprechende Planung vorlegen. Um einerseits die Entwässerung
der oberhalb liegenden landwirtschaftlichen Flächen sicherzustellen, andererseits den
Grenzgraben am Moor entlang von seiner Funktion befreien zu können, musste das ankommende
Wasser durch einen Verbindungsgraben am Moor vorbei in den südlichen Straßenseitengraben
von Rothertshausen eingeleitet werden. Da dieser durch zahlreiche enge Rohrdurchlässe
allerdings nur begrenzt aufnahmefähig ist, war der Bau eines eineinhalb Hektar großen
Regenrückhaltebeckens im Zulauf des Verbindungsgrabens notwendig. Diese umfangreichen
Baumaßnahmen konnten 1995 abgeschlossen werden. Obwohl nun ohne Oberlauf, entwässert der
Grenzgraben noch immer die anliegenden Acker- und Wiesenflächen in Niedersachsen - und
das Moor. Erst wenn es gelingt, auf niedersächsischer Seite eine Pufferzone zu erwerben,
die der Vernässung überlassen werden kann, wird es möglich sein, den Grenzgraben
abschnittsweise durch Torfdämme zu schließen. Zur Zeit bemühen sich der Kreis
Steinfurt, das Amt für Agrarordnung Coesfeld und das Amt für Agrarstruktur Osnabrück
grenzübergreifend gemeinsam, aus dem von privater Hand erworbenen Kreishof Rothertshausen
durch Kauf und Tausch Flächen umzulegen, zu kaufen oder zu pachten, um endlich am Recker
und am Mettinger Moor entlang eine mindestens 90 Meter breite Schutzzone als
Pufferstreifen zu schaffen.
Vom Jahre 1998 an bekam die ANTL die
Pflegearbeiten im Moor vom Kreis Steinfurt übertragen. Karl-Heinz Löckener, früher
Zivildienstleistender und langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter des Naturschutzvereins
wurde hauptamtlich angestellt. Er übernahm und koordinierte die Arbeiten mit
Zivildienstleistenden, Umschülern und privaten Helfern.
Der ANTL-Arbeitsgruppe "Recker
Moor" ging die Vernässung der Flächen zu langsam voran. Seitdem der Managementplan
der LÖBF im wesentlichen umgesetzt war, schien die Entwicklung nicht mehr recht
voranzukommen. Die Naturschützer schauten sich im nahen Niedersachsen um und regten an,
nach den dortigen beeindruckenden Beispielen Dämme zur "Polderung" um einzelne
Moorflächen zu ziehen, um das Oberflächenwasser daran zu hindern, abzufließen. Schon im
Winter 1999 / 2000 zeigten weite Wasserflächen, dass diese vom Kreis durchgeführten
Maßnahmen die Vernässung deutlich vorangebracht hatten.
Ob und wieweit sich das Moor jemals wieder
regenerieren kann, vermag heute noch niemand abzuschätzen. Die bisherigen Maßnahmen
haben aber erste Erfolge erzielt. Der Wasserspiegel im Moor steigt langsam. In einzelnen
nassen Vertiefungen wachsen bereits wieder sechs Arten von Torfmoosen, Wollgras und
Moosbeere breiten sich aus und Rosmarienheide streckt ihre kriechenden Triebe zwischen die
Bulten des Pfeifengrases. Auch die botanischen Kostbarkeiten Mittlerer und Rundblättriger
Sonnentau sind wieder heimisch geworden. Die charakteristischen Vögel der Feuchtgebiete
nehmen stetig zu. Großer Brachvogel, Uferschnepfe und Krickente brüten regelmäßig. Das
Braunkehlchen scheint sich wieder anzusiedeln. 1995 zeigte sich der Waldwasserläufer,
über 500 Kiebitze und sogar einige Kraniche rasteten als Durchzügler. Überwinternde
Kornweihen nutzen das Moor als Schlafplatz, Wiesen- und Rohrweihe jagen im Schutzgebiet.
Als weitere bedrohte Tierarten sind die Kreuzotter, die Schlingnatter, der Moorfrosch und
die Bergeidechse anzutreffen. Von den Insekten fallen besonders die Libellen auf, von
denen bisher 18 Arten gefunden wurden.
Obwohl allein die Umsetzung der geplanten
Vorhaben sich noch weit in dieses Jahrtausend hinziehen wird, zahllose Birken entfernt und
Gräben geschlossen werden müssen, zeigen deutliche Fortschritte, dass Naturzerstörung
rückgängig gemacht werden kann und unter Wahrung landwirtschaftlicher Belange mit
erheblichem Aufwand an Engagement und finanziellen Mitteln, wieder Refugien für unsere
bedrohte Tier- und Pflanzenwelt geschaffen werden können.
*) LÖLF = Landesanstalt für Ökologie,
Landschaftsentwicklung und Forstplanung Nordrhein-Westfalen, Recklinghausen (heute LÖBF =
Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten)
Der Text wurde dem Band "Unser
Kreis 1997", Jahrbuch für den Kreis Steinfurt entnommen und ergänzt.
Für die freundliche Unterstützung
danke ich dem Amt für Agrarordnung Coesfeld und der Unteren Landschaftsbehörde des
Kreises Steinfurt.